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Der Mythos vom Abschwung Chinas

Yves Longchamp, CFA · 23. März 2026

Die jüngsten Wachstumsprognosen für die chinesische Wirtschaft markieren einen symbolischen Wendepunkt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten dürfte das jährliche BIP-Wachstum unter die Schwelle von 5% fallen. Für viele Beobachter bestätigt diese Zahl die These einer strukturellen Verlangsamung der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt. Doch diese Deutung verdient eine Einordnung. In Dollar gemessen bleibt Chinas Wachstumsdynamik beeindruckend — und beschleunigt sich sogar.

Die Wachstumsdebatte leidet an einem statistischen Bias: einer übermässigen Fokussierung auf die Wachstumsrate selbst. Als China Anfang der 2000er-Jahre 10% Wachstum auswies, war seine Wirtschaft noch im Aufbau. Heute ist Chinas Wirtschaft fast sechsmal grösser als vor 25 Jahren. Eine tiefere Wachstumsrate kann deshalb einen weit grösseren Wohlstandszuwachs erzeugen als früher.

Zur Illustration: 10% Wachstum auf eine Wirtschaft von 5 Billionen Dollar erzeugen 500 Milliarden Dollar zusätzlichen Wohlstand. 5% Wachstum auf eine Wirtschaft von 30 Billionen Dollar erzeugen dagegen 1,5 Billionen. Mit anderen Worten: Selbst mit einer halb so hohen Wachstumsrate wie im Jahr 2000 expandiert China in absoluten Zahlen dreimal schneller.

Grafik 1: Chinas jährliches reales Wachstum in Prozent und in Milliarden US-Dollar
Grafik 1: Chinas jährliches reales Wachstum (%) und in Milliarden USD. Quelle: FRED, Yves Longchamp.

Diese Unterscheidung zwischen Wachstumsraten und absolutem Wachstum ist wesentlich für das Verständnis von Chinas Entwicklungspfad. Die relative Verlangsamung ist weitgehend mechanisch. Je grösser eine Wirtschaft wird, desto schwieriger ist es, hohe Wachstumsraten aufrechtzuerhalten. Die Vereinigten Staaten, Europa und Japan haben diese Normalisierung im Zuge ihrer Entwicklung alle durchlaufen.

Chinas Verlangsamung ist daher mit Vorsicht zu interpretieren. Das Land tritt nicht zwingend in eine Stagnationsphase ein, vergleichbar mit Japan in den 1990er-Jahren. Vielmehr geht es in eine Phase wirtschaftlicher Reife über, gekennzeichnet durch tiefere Wachstumsraten, aber eine viel breitere wirtschaftliche Basis.

Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass grosse Mächte stets Anpassungsphasen durchlaufen, wenn sie sich der globalen Technologiegrenze nähern. China dürfte keine Ausnahme sein.

Grafik 2: jährliches reales Wachstum in absoluten Zahlen
Grafik 2: Jährliches reales Wachstum in absoluten Zahlen. Quelle: FRED, Yves Longchamp.

Fazit

Für Investoren und internationale Beobachter ist die Schlüsselfrage nicht nur Chinas Wachstumsrate, sondern der Wohlstand, den die Wirtschaft Jahr für Jahr weiterhin erzeugt. Wenn eine Wirtschaft enorm wird, stellt selbst moderateres Wachstum einen massiven Beitrag zur globalen Produktion dar.

Das Unterschreiten der 5%-Marke ist deshalb weniger ein Zeichen des Niedergangs als der Normalisierung. China ist keine wachstumsstarke Schwellenwirtschaft mehr; es ist eine riesige Volkswirtschaft geworden, deren selbst moderate Expansion das globale wirtschaftliche Gleichgewicht weiter verschiebt.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung einer ursprünglich auf Französisch erschienenen Kolumne auf Allnews.ch. English version.

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